Robert Enke verstarb am 10. November 2009. Sein Tod bewegte viele Menschen, selbst die, die wenig für Fußball übrig haben oder ihn noch nicht mal wirklich kannten. Weit verbreitet sah man in sprach- und fassungslose Gesichter.
Und weil sein Tod viele Menschen bewegte, wurde am Sonntag eine große Trauerfeier in der AWD-Arena veranstaltet, also in jenem Stadion, in denen Robert Enke in den vergangenen Jahren für seinen Verein Hannover 96 das Tor hütete. Bereits hieran mag man erste Kritikpunkte finden. Trauer ist schließlich etwas sehr privates. Und niemand, der einen nahen Angehörigen verliert, möchte dessen Beerdigung als Großereignis für die Massen erleben. Nun war Robert Enke aber eine öffentliche, sehr beliebte Person. Nun weinten aber viele Menschen um seinen Tod und vermochten es eigentlich gar nicht zu begreifen, was da am 10. November passiert war. Und dafür sind Trauerfeiern da. Zum Abschied nehmen. Um dem Verstorbenen noch einmal die letzte Ehre zu erweisen. Zur Verarbeitung der Geschenisse: denn auf der Trauerfeier wird es auch erstmals für einen selbst richtig greifbar, dass man dem geliebte Menschen nie mehr auf dieser Erde begegnen wird.
Wenn Menschen trauern, rücken sie zusammen. Gerade dies hat der Fall Robert Enke bewiesen. Sie teilen ihre Trauer, stützen sich, teilweise trotz noch so großer Gegensätze, in diesen schweren Momenten. Als die Nachricht bekannt wurde, pilgerten viele zum Stadion, um dort gemeinsam zu trauern, und es wurde ein Trauerzug durch Hannover von Fußballfans kurzfristig organisiert, an dem tausende teilnahmen.
Nun konnte am Wochenende nicht jeder, der der Trauerfeier beiwohnen wollte, ins Stadion gehen. Dafür war die AWD-Arena einfach zu klein. Insoweit halte ich es – trotz aller Kritik – auch nicht für besonders verwerflich, dass die Zeremonie über Großbildleinwände auf den Platz vorm Stadion sowie auch über TV übertragen wurde. Und schließlich gab es ja anschließend noch eine Trauerfeier im kleinen Kreise, wo dann die engsten Weggefährten Robert Enkes in ganz privater Atmosphäre Abschied von ihm nehmen konnten.
Aber zurück zur großen Trauerfeier: man hätte die Sache wirklich sehr diskret und würdig gestalten können. Man hätte dem Zuschauer vor seinem TV-Gerät einfach das Gefühl geben können, er sei einer der trauernden Gäste im Stadion, jemand, der in seiner Sitzschale sitzt und in dieser guten Stunde andächtig von Robert Enke Abschied nimmt. Man hätte eine weite Ansicht des Spielfeldes anbieten können mit dem aufgebahrten Sarg, den Blumen drum herum sowie dem Rednerpult. Auch Nahaufnahmen vom Priester, von den Rednern und Musikern – kein Problem. Wenn auf einer Beerdigung jemand eine Rede hält oder dem Verstorbenen ein Abschiedslied singt, schaut ihn ja auch jeder an, ebenso wie natürlich den Priester.
Widerlich wurde die ganze Sache aber dann, als die Kameramänner ihre Kameras stets über die Gesichter der Nationalspieler, der Spieler von Hannover 96 sowie anderer prominenter zu schwenken meinten – natürlich in Nahaufnahme. „Wir zeigen Gefühle, Emotionen“ – ging es wirklich darum? Kann sich irgendjemand entsinnen, jemals auf einer Beerdigung gewesen zu sein und dort andere Trauergäste beim Weinen begafft zu haben? Wahrscheinlich können dies nichtmal die Kameramänner und die Bildregisseure, die für diese abartige Geschmacklosigkeit verantwortlich waren.
Ich habe gestern nur die letzten zehn Minuten der Zeremonie gesehen, weil ich geahnt hatte, welch widerliche Züge die Übertragung annehmen würde. Schon diese zehn Minuten haben mir schlichtweg gereicht. Das zu sehen gab mir nicht das Gefühl, Robert Enke, diesen großen Sportler, dadurch in irgendeiner Weise würdig verabschieden zu können.
Den Gipfel der Geschacklosigkeit erklomm heute dann die „Bild“-Zeitung, die auf ihrer Startseite mit einer Großaufnahme der Witwe Teresa Enke bei einem Heulkrampf und der scheinheiligen Schlagzeile „Deutschland weint mit Frau Enke“ aufmachte. Interessieren solche Aufnahmen wirklich die Öffentlichkeit? Sie haben sie nicht zu interessieren. Aber im Hause Springer ist so etwas eiskaltes Kalkül. Frau Enke wird mit Sicherheit zur Zeit nicht den Nerv dafür haben, die „Bild“ für diese Verletzung ihrer Intimsphäre in irgendeiner Weise rechtlich zu belangen.
Geheucheltes Mitgefühl, eiskaltes Geschäft – „Bild“ ist sich nicht zu schade, schwerste Schicksale von Menschen, die unfreiwillig und auf höchst tragische Weise zur öffentlichen Person geworden sind, in einer Art und Weise auszunutzen (siehe auch schon der Fall Natascha Kampusch).
Möge nun das „Trauer Event“ um Robert Enke nun sein Ende gefunden haben, bevor es noch unwürdiger für ihn, für diejenigen, die ihm nahe standen sowie vor allem noch unerträglicher für Teresa Enke wird.